19. Dezember

„Wann kommst Du denn wieder?“

Mein Sohn ist Grundschüler. In Kassel ist er bisher zwei Mal gewesen, obwohl ich hier seit einigen Jahren arbeitete. Sein Wohnort ist mehrere hundert Kilometer von Nordhessen entfernt. Meine Frau ist dort fest beruflich verwurzelt; angesichts meines befristeten Vertrags kam ein Umzug nach Kassel für uns als Familie nicht in Frage, als ich meine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter antrat. Also gehöre ich zum Heer der Hochschulbediensteten, das insbesondere gegen Anfang und Ende der Woche die ICEs in ganz Deutschland besetzt hält. Diesen Montag abend spielt sich zwischen meinem Sohn und mir ein Gespräch ab, das wir so oder so ähnlich schon dutzenden Male geführt haben müssen. „Ich muss morgen nach Kassel“, sage ich beiläufig. „Ja… leider“, erwidert er. Er klingt resigniert und abgeklärt, und das macht mich traurig. „Wann kommst Du denn wieder?“, will er nun wissen. „Am Donnerstag“, antworte ich. Ich werde ihm also morgen und übermorgen nicht bei der Vorbereitung auf den Deutschtest helfen können, und wohl auch nicht hören, wie die täglichen Fußballspiele auf dem Pausenhof gegen die Parallelklasse ausgegangen sind. Dann hakt er nach: „Am Donnerstag abend?“. „Ja, aber früher als letzte Woche“, antworte ich. Vielleicht sehen wir uns dann noch.“ Kurze Zeit später fällt mir auf, dass ich Quatsch erzählt habe. Ich habe vergessen, dass ich einen Abendtermin in Kassel habe. Wenn alles nach Plan läuft, werde ich kurz vor Mitternacht zu Hause sein.

An besagtem Donnerstag ruft meine Frau an. Sie sagt mir, dass mein Sohn krank ist, und fügt lapidar hinzu, dass sie bereits alle ihre Arbeitstermine für den ganzen Tag abgesagt hat. Wir hatten eigentlich mal vereinbart, dass wir die durch kranke Kinder anfallende Sorgearbeit gleichmäßig aufteilen. Aber das war vor meiner Kasseler Zeit. Mein Arbeitgeber schreibt auf seiner Homepage: „Für die Universität Kassel sind ein familienfreundliches Umfeld sowie die Gleichstellung von Frauen und Männern wesentliche Grundlagen einer erfolgreichen, zukunftsorientierten Entwicklung. (…) Ziel ist die Unterstützung von allen Mitgliedern der Universität mit Familienaufgaben unter Berücksichtigung ihrer individuellen Lebensphase.“ Die beste Unterstützung meiner Familie unter Berücksichtigung meiner individuellen Lebensphase wäre eine unbefristete Stelle. Meinem Arbeitgeber ist das wohl dann doch nicht ganz so wichtig. Mein Donnerstagabend in Kassel endet wie immer auf einem Bahnsteig in Wilhelmshöhe.

(Wissenschaftlicher Mitarbeiter)

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