17. Dezember

Umstände sind gemacht und geprägt von Menschen – im Guten wie im Schlechten

Ich habe keinen Platz in meinem Wunschkurs erhalten. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Welcher Kurs zählt noch für dieses Modul und überschneidet sich nicht mit meinem Stundenplan? Was tue ich, wenn ich im letzten notwendigen Seminar vorm Abschluss keinen Platz mehr erhalte, aber der Kurs nur einmal im Jahr angeboten wird? Wie gehe ich damit um, wenn meine Noten nach zwei Semestern noch nicht eingetragen sind und ich den Dozenten einfach nicht erreiche? „Ist der überhaupt noch an der Uni?!“ Was tun, wenn man keinen einzigen Professor aus einem Seminar kennt, wenn die Abschlussarbeit ansteht? Wer unterstützt mich, wenn ich vor akademischen oder persönlichen Herausforderungen stehe, die meinen Studienabschluss gefährden? Bestimmt ist der Diskurs von Abbrecherquoten, sogenannten Langzeitstudenten und der sich verändernden Studierendenschaft, die angeblich nicht mehr die nötigen Eigenschaften für ein Studium mitbringe. Stockt es im eigenen Studienverlauf, sind die Selbstzweifel riesig und Versagensängste folgen häufig der Einschätzung, vordergründig selbst verschuldet zu scheitern. Ohne individuelle Verantwortung kleinzureden, beschleicht einen jedoch auch ab und an das Gefühl je mehr man im Freundeskreis und mit Kommiliton*Innen ins Gespräch kommt, dass man vielleicht zur falschen Zeit am falschen Ort ist.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort habe ich von montags bis freitags eine Auswahl an Seminaren. Interessiert mich ein Thema, kann ich im nächsten Semester mein Wissen vertiefen. Im Idealfall kristallisiert sich ein Schwerpunkt heraus, auf den ich mich in meiner Abschlussarbeit fokussieren kann, sodass ich dann ein regelrechtes Steckenpferd pflege. Diese Kompetenz lässt mich selbstbewusst ein weiterführendes Studium aufnehmen oder beeinflusst gar meine Berufswahl. Vielleicht zeige ich dabei so viel akademische Exzellenz, dass der*die Dozent*in, der*die mich über Jahre in meinem Studium begleitet hat, mich bestärkt und mir – man darf nicht einmal davon träumen, ohne rot zu werden – eine Promotion anbietet. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort studieren unter besseren Umständen. Umstände fallen nicht vom Himmel. Umstände sind gemacht und geprägt von Menschen – im Guten wie im Schlechten.

Zur falschen Zeit am falschen Ort – die Seminare stapeln sich zwischen Dienstag und Donnerstag, gerne auch ganz in Blockseminaren.  Sprechstunden in der vorlesungsfreien Zeit? Studierende begleiten von der Einführung über die Vertiefung bis zur Abschlussarbeit? Gar langfristige Betreuungen? Die Freude erleben, wie der Funken der Begeisterung für das eigene Thema auch auf einige Seminarteilnehmer überspringt und sie im nächsten Semester wieder kommen? Nicht denjenigen vergönnt, die sich von Lehrauftrag zu Lehrauftrag hangeln. Mit einer Befristung auf ein Semester, mit Glück auch länger, ist eine langfristige Planung der Lehre und ihrer Inhalte nicht möglich. Mit der Unsicherheit im Nacken und der Hoffnung, woanders doch noch anzukommen – wieso sollte man dann seinen Lebensmittelpunkt nach Kassel verlegen? Der ICE-Bahnhof als Standortvorteil: gependelt wird aus fernen Städten, wenn es sich nicht vermeiden lässt mit ein bis zwei Übernachtungen pro Woche in Kassel. Allzu verständlich, mit den bekannten Konsequenzen.

Eine auf Befristungen abzielende und somit unnachhaltige Personalpolitik frustriert Lehrende wie auch Studierende. Die Konsequenzen schlagen sich nämlich ebenfalls negativ auf die Lehre und die Betreuung und somit auf die Bildungs- und Lebenswege von Studierenden nieder. Akademische Freiheit drückt sich auch in der Wahlfreiheit von Studierenden aus, die durch die vorherrschende Personalpolitik eingeschränkt wird. Was macht das mit der nächsten Generation, die künftig akademische Positionen ausfüllen soll? Landen die schlausten Köpfe an der Uni? Viele wenden sich frustriert ab und suchen ihr Glück woanders – zum Nachteil der Uni, jetzt und in Zukunft. Prekäre Beschäftigungsbedingungen an der Universität Kassel sind ein strukturelles Problem, welches sich auf vielfältige Weise ausdrückt: Individuell für Betroffene, die persönlich und beruflich die Konsequenzen dieser verfehlten Politik tragen müssen, dabei aber nicht müde werden, auch die negativen Auswirkungen auf den Universitätsbetrieb, den Verlust von Wissen und Kompetenz und somit die Beeinträchtigung der Kernaufgaben von Universität – Forschung und Lehre – zu beleuchten. Letztere möchten wir als Studierende und Absolventen der Universität Kassel in Solidarität mit den Beschäftigten darstellen, um zu zeigen, dass die Kosten dieser Personalpolitik in allen Aspekten des Universitätslebens zum Tragen kommen und offenkundig die vermeintlichen Einsparungen heute bei weitem übersteigen.

(Bericht aus der Studierendenschaft)

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